Zusammenfassung
Der Text setzt sich kritisch mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Hessens auseinander. Er hinterfragt, ob der Vergleich mit dem Bundesdurchschnitt als Erfolgskriterium ausreicht oder ob das Land seine Potenziale unterschätzt.
Warum der Blick auf den Bundesdurchschnitt uns digital nicht weiterbringt
Achim Weidner, 05.05.2026
Ich lese ständig diese Jubelmeldungen aus dem Digitalministerium: Hessen sei beim Glasfaserausbau ja so viel besser als andere Bundesländer. Hand aufs Herz: Ist das wirklich unser Anspruch?

Abbildung 1 Unterzeichnung des Letter of Intent zwischen den Städten Rüsselsheim, Raunheim, Alexandroupoli und Raunheim
Dass dieser Blick zu kurz greift, hat der Besuch einer Delegation aus unserer Partnerstadt Alexandroupoli vor wenigen Tagen gezeigt. Beim Austausch mit den Verwaltungsspitzen aus Rüsselsheim, Raunheim und Kelsterbach wurde deutlich: Bei der digitalen Infrastruktur können wir von den Griechen noch einiges lernen. Oberbürgermeister Patrick Burghardt — ehemaliger Digitalstaatssekretär Hessens — weiß, wovon er spricht, wenn er das einräumt.
Die Messlatte liegt woanders
Jetzt kommt Datenmaterial dazu, dass diese Einschätzung schärfer macht.
Anthropic — das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude — hat im September 2025 einen detaillierten Wirtschaftsindex veröffentlicht. Der sogenannte AI Usage Index (AUI)[1] misst, ob ein Land KI-Tools mehr oder weniger nutzt, als sein Bevölkerungsanteil erwarten ließe. Ein Wert von 1,0 wäre exakt der Durchschnitt.
- Deutschland kommt auf 1,84.
- Singapur auf 4,57. Die USA auf 3,62. Das Vereinigte Königreich auf 2,67.
- Frankreich liegt mit 1,94 knapp vor uns. Japan mit 1,86 ebenfalls.
Wir sind — um es klar zu sagen — im europäischen Mittelfeld. Und das in einer Region, in der der DE-CIX sitzt. In der ein internationales Finanzzentrum beheimatet ist. In der Forschung und Entwicklung — auch in Rüsselsheim — keine Fremdworte sind.
Glasfaser als Bundesdurchschnittsmesslatte? Das ist, als würde ein Formel-1-Team feiern, dass es die Boxeneinfahrt pünktlich streicht.

Abbildung 2 Kleine, technologisch fortgeschrittene Länder führen bei der Pro-Kopf-Nutzung von Claude. Die Abbildung zeigt die Top 20 Länder basierend auf dem Anthropic AI Usage Index.
Das eigentliche Problem ist keine Leitung. Es ist eine Haltung.
Hier liegt der blinde Fleck in der öffentlichen Debatte.
Der Anthropic-Report zeigt: Länder mit niedriger Adoptionsrate nutzen KI überwiegend als Befehlsempfänger. Aufgabe rein, Ergebnis raus. Fertig. Das nennt sich Automation.
Länder mit hoher Adoptionsrate arbeiten anders. Sie denken mit der KI. Sie iterieren, hinterfragen, verfeinern. Das nennt sich Augmentation — und das ist der Modus, in dem echte Wettbewerbsvorteile entstehen.
Der Report ist eindeutig: Je höher die Pro-Kopf-Nutzung, desto mehr Augmentation. Je niedriger, desto mehr blindes Delegieren.
Glasfaser ist die Straße. Entscheidend ist, wer darauf fährt — und ob er weiß, wohin.
Warum das Rhein-Main-Gebiet besonders betrifft
Der Report zeigt auch: Lokale Wirtschaftsstrukturen prägen Nutzungsmuster direkt. In Florida etwa ist KI-Nutzung für Finanzdienstleistungen überproportional hoch — weil der Finanzsektor dort Gewicht hat.
Die Analogie zum Rhein-Main-Gebiet liegt auf der Hand. Frankfurt ist Europas führender Finanzplatz. Der DE-CIX ist das größte Internet-Knoten-Netz der Welt. Hochschulen, Automobilindustrie, Logistik — die Substanz ist da.
Aber die Adoption spiegelt das nicht wider. Das Potential liegt brach.
Warum orientieren wir uns nicht an den Ländern, die wirklich vorne sind?
Singapur. Estland. Israel — mit einem AUI von 7,0 übrigens der Spitzenreiter weltweit. Das sind keine zufälligen Ausreißer. Das sind Länder, die digitale Infrastruktur nicht als Selbstzweck begreifen, sondern als wirtschaftspolitische Entscheidung.
Stattdessen erinnert das hier an die neuen Bundesjugendspiele: Dabei sein ist alles. Bloß keine Leistungsbereitschaft zeigen, die andere unter Druck setzt.
Das Digitalministerium darf das ruhig als Ansage verstehen.
Was jetzt gebraucht wird
Keine weiteren Vergleiche mit dem Bundesdurchschnitt. Der ist die falsche Messlatte für eine Region mit globalem Anspruch.
Stattdessen brauchen wir eine ehrliche Bestandsaufnahme: Wie nutzen Unternehmen, Verwaltungen und Bildungseinrichtungen im Rhein-Main-Gebiet KI wirklich — und wie könnten sie es tun?
Die Delegation aus Alexandroupoli hat das Unbehagen ausgelöst. Die Daten aus dem Anthropic-Report liefern den Kontext.
Achim Weidner ist Journalist bei Radio Rüsselsheim (Digitale Beats), KI-Berater und zertifizierter KI-Manager (IHK). Er lebt und arbeitet in Rüsselsheim.
[1] https://www.anthropic.com/research/anthropic-economic-index-september-2025-report
