Wer KI nur als Gratis-Chatbot kennt, hat einen Twizy gefahren

Zusammenfassung

Gratis-Chatbots zeigen nur einen Bruchteil der tatsächlichen KI-Leistung. Wer lediglich kostenlose Prompts nutzt, verpasst die tiefere Integration intelligenter Systeme in den Arbeitsalltag. Diese Analyse vergleicht die aktuelle Technologie-Nutzung mit einem minimalistischen Elektro-Quad und zeigt beispielhaft den Weg zur echten digitalen Wertschöpfung.

Warum das Staunen über KI kein Enthusiasmus ist — sondern Erkenntnisquelle.

Eine Infografik hat mich in den letzten Wochen nicht losgelassen. 2.500 Punkte, jeder steht für 3,2 Millionen Menschen — zusammen die gesamte Weltbevölkerung von 8,1 Milliarden. Die Farbe zeigt, wie weit jemand künstliche Intelligenz tatsächlich nutzt.

84 Prozent haben es noch nicht gespürt
84 Prozent haben es noch nicht gespürt

Das Ergebnis: Grau soweit das Auge reicht.

84 Prozent der Menschheit haben KI noch nie verwendet. Weitere 16 Prozent kennen gelegentliche Chatbot-Gespräche, meist über kostenlose, stark limitierte Zugänge. 0,3 Prozent zahlen für ein Abo. Und dann, ganz unten in der Grafik, ein schmaler farbiger Streifen: rund 2 bis 5 Millionen Menschen weltweit, also etwa 0,04 Prozent, arbeiten mit den leistungsfähigsten verfügbaren Werkzeugen.

Die Zahlen stammen aus einer Microsoft-Studie (H2 2025), ergänzt durch Schätzungen zu zahlenden Abonnenten und Nutzern von Entwicklerwerkzeugen. Sie sind Größenordnungen, keine exakten Messungen — aber die Verhältnisse sind robust.

Seit der kambrischen Explosion

Im November 2022 erschien ChatGPT. Für viele war es ein Moment wie der Urknall des Internets — eine Technologie, die plötzlich für alle greifbar war. Ich nenne es die kambrische Explosion der KI: Innerhalb kürzester Zeit entstanden Dutzende neuer Werkzeuge, Anwendungen, Modelle. Eine Artenvielfalt, die bis heute anhält.

Der ChatCPT-Moment - Die kambrische Explosion der KI
Der ChatCPT-Moment – Die kambrische Explosion der KI

Seitdem vermittle ich beim Gewerbeverein Rüsselsheim 1888 e.V. das Thema unter dem Titel „Mit Daten sprechen“ — eine Veranstaltungsreihe für Unternehmerinnen und Unternehmer aus Rüsselsheim, die verstehen wollen, was diese Werkzeuge tatsächlich leisten und wie man sie sinnvoll einsetzt. Kein Hype, keine Angst, kein TamTam. Praktische Orientierung.

Mein eigenes Motiv dabei war und ist: einfach mal machen. Technik ausprobieren, um sie zu verstehen. Sie durchdringen, um persönlich zu erfahren, wie fundamental die Veränderungen sein werden — nicht aus Büchern oder Konferenzzusammenfassungen, sondern aus eigener Erfahrung — um zu wissen, wovon man redet.

Drei Rollen, ein konkretes Problem

Ich moderiere für Radio Rüsselsheim die Livesendungen aus der Stadtverordnetenversammlung. Ehrenamtlich, direkt aus dem Rathaus. Das bedeutet: Vor jeder Sitzung muss ich die Tagesordnung kennen, die Vorlagen verstanden haben, den Kontext griffbereit haben — damit ich live einordnen kann, was gerade diskutiert wird, und das für unser Publikum verständlich mache.

Gleichzeitig mache ich „Digitale Beats“, eine Sendung auf Radio Rüsselsheim über KI, Geopolitik und digitale Infrastruktur. Und beruflich unterstütze ich Unternehmen in der Region zu genau diesen Themen.

Drei Rollen, die alle dasselbe verlangen: nicht nur über KI reden, sondern sie kennen. Wer erklärt, sollte verstehen. Wer berät, sollte erfahren haben.

Das Portal mit Informationen zur Stadtverordnetenversammlung ist also aus einer sehr konkreten Frage entstanden: Wie bereite ich mich besser auf die Livesendungen vor? Wie behalte ich den Überblick über Sitzungsdokumente, Vorlagen, Tagesordnungspunkte — ohne mich jedes Mal durch PDFs auf verschiedenen Verwaltungsseiten zu klicken?

Die Antwort war: Ich baue mir etwas.

Was ich gebaut habe — und wie

Ich bin kein Programmierer. Ich schreibe keine Zeilen Code aus dem Gedächtnis, ich kann keine Syntax-Fehler debuggen. Das war mein ganzes Berufsleben so, und es hat mich nie gestört, weil es nicht mein Handwerk ist.

Trotzdem habe ich in einem mehrstündigen Dialog mit Google Gemini (Pro Abo) und Antigravity ein Dokumentenportal für die Stadtverordnetenversammlung Rüsselsheim am Main erstellt. Mit Sitzungsübersicht, verlinkten PDF-Dokumenten, Suchfunktion, responsivem Design — öffentlich erreichbar unter meiner eigenen Domain, als Service von Radio Rüsselsheim. Statt Antigravity hätte ich auch Clode Code oder andere Vibe-Coding-Agenten nutzen können.

Ich habe ein Problem beschrieben. Ich habe Rückfragen beantwortet. Ich habe Ergebnisse bewertet und Korrekturen formuliert. Das war mein Beitrag. Den Rest hat der Agent erledigt.

Das Staunen, das ich dabei empfunden habe, war kein kindliches Begeisterungsstaunen. Es war das Staunen eines Menschen, der ein Werkzeug in der Hand hält und merkt, dass er plötzlich etwas kann, das er gestern noch nicht konnte — und das nicht trotz fehlender technischer Kenntnisse, sondern unabhängig davon.

Ich erwähne das deshalb explizit, weil es für meine Arbeit beim Gewerbeverein, bei „Digitale Beats“ und in der Beratung unmittelbar relevant ist: Diese Erfahrung lässt sich nicht aus zweiter Hand vermitteln. Man muss sie selbst gemacht haben.

Die Twizy-Falle

Wer KI bisher nur als ratternden Gratischatbot kennt, der nach fünf Nachrichten abbricht und dann höflich um ein Upgrade bittet, hat ein grundlegendes Wahrnehmungsproblem. Nicht aus eigener Schuld — das Angebot, das die meisten Menschen kennen, ist tatsächlich begrenzt.

Renault Twizy - Foto: Wikipedia
Renault Twizy – Foto: Wikipedia

Es ist ein bisschen wie Elektromobilität nach einer Probefahrt im frühen Renault Twizy beurteilen. Den kenne ich noch aus eigener Anschauung — mit dem Wägelchen wurde auf der Hasslocher Straße in Rüsselsheim Pizza ausgefahren. Nicht falsch, aber unvollständig.

Die Autorin des Substack-Beitrags, auf den die Infografik zurückgeht, formuliert das pointiert: „Wir heben ab, und die Mehrheit weiß noch nicht einmal, dass es eine Rakete gibt.“ Das ist emotional gesagt — aber der Kern stimmt. Und es ist genau das, was ich seit der kambrischen Explosion in meinen Veranstaltungen immer wieder erlebe: Die größte Hürde ist nicht die Technik. Es ist die fehlende eigene Erfahrung.

Warum das über mein Portal hinausgeht

Diese Wahrnehmungslücke hat Konsequenzen, die weit über persönliche Neugier hinausgehen.

Regulierung, Bildungspolitik, Arbeitsmarktpolitik, kommunale Digitalisierungsstrategien — all das wird von Menschen gemacht und diskutiert, die mehrheitlich zur grauen Mehrheit der Infografik gehören. Die kleine Gruppe, die täglich mit leistungsfähigen KI-Systemen arbeitet, ist in Parlamenten, Verwaltungen und Vorstandsetagen deutlich unterrepräsentiert.

Framework Stadtverordnetenversammlung Rüsselsheim
Framework Stadtverordnetenversammlung Rüsselsheim

Das ist kein Vorwurf. Es ist eine strukturelle Herausforderung: Wie gestaltet man informierte Politik für eine Technologie, deren Entwicklungsgeschwindigkeit die Wahrnehmung der meisten Entscheidungsträger um Jahre übersteigt?

Ich erlebe das in meiner Beratungsarbeit mit Unternehmen in der Region. Die Skepsis speist sich häufig aus Erfahrungen mit genau diesen limitierten Gratismodellen. Der Sprung zu dem, was produktive KI-gestützte Arbeit heute leisten kann, ist für viele nicht vorstellbar, weil sie ihn noch nicht selbst gemacht haben.

Was folgt daraus?

Keine Panik. Aber auch keine Schockstarre.

Was folgt, ist eine Einladung: einfach mal machen. Nicht mit dem Freimodell, das nach fünf Nachrichten abbricht, sondern mit den Werkzeugen, die zeigen, was tatsächlich möglich ist. Mein eigenes Portal ist kein Ausnahmefall. Es ist exemplarisch für das, was heute für Menschen ohne technischen Hintergrund erreichbar ist — wenn sie bereit sind, sich auf den Dialog einzulassen und ein echtes Problem mitbringen.

Das Staunen ist dabei keine Schwäche. Es ist der erste Schritt zu einer informierten Einschätzung. Und die brauchen wir — in der Wirtschaft, in der Politik, in der Gesellschaft.

Achim Weidner ist KI-Berater, externer Datenschutzbeauftragter und Moderator bei Radio Rüsselsheim. In seiner Sendereihe „Digitale Beats“ berichtet er über KI, Geopolitik und digitale Infrastruktur. Die Livesendungen aus der Stadtverordnetenversammlung sind ein ehrenamtlicher Service von Radio Rüsselsheim. Seine Veranstaltungsreihe „Mit Daten sprechen“ findet beim Gewerbeverein Rüsselsheim 1888 e.V. statt.

Das Stadtverordneten-Dokumentenportal ist erreichbar unter: achim-weidner.de/ai/rrstv/

Quellen der Infografik: Microsoft AI Economy Institute H2 2025; OpenAI COO Brad Lightcap; DevGraphiq/Cursor; UN 2024. Originalbeitrag: Celeste Elder, Substack, Februar 2026. / Renault Von Matti Blume – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0


Achim-Weidner
Achim-Weidner

Achim Weidner ist zertifizierter Social Media Manager (IHK) und Absolvent des Zertifizierungsprogramms (Certificate of Advanced Studies) Rechtliche Aspekte der IT- und Internet-Compliance“ an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dieses Programm ist angesiedelt in der Fakultät für Informatik, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften und deckt folgende Bereiche ab: Datenschutz, Datensicherheit, Internetrecht sowie Computer- und Internetstrafrecht, ergänzt durch den Aspekt der technischen Datensicherheit. Seite 2017 befasst er sich mit der Thematik der „Künstlichen Intelligenz“.

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